Archive for Dezember, 2007

Opus 127 Mannheim Synagoge 22/II, geplant 1854, und die Erfindung des Registerschwellers

Sonntag, Dezember 23rd, 2007

Opus 127 Mannheim Synagoge 22/II, geplant 1854, im Opusbuch 1 als Opus143 registriert.
Also eine Orgel, die wenige Monate nach Neuhausen gebaut wurde, wobei ich höchste Vorsicht anraten würde, diese Orgel nun als typische Klangvorstellung Eberhard Friedrich Walckers zu deuten.

Interessant ist diese Orgel für die Mannheimer Synagoge für mich, besonders durch die hervorragende Darstellung von Dr. Achim Seip in Acta Organologica Band 29, aus der teilweise zitiert wird, und wo neben gesellschaftlichen, jüdisch spezifischen Fragen, besonders auch stilistische Zusammenhänge jener Zeit erklärt werden.
Zunächst die für Eberhard Friedrich Walcker typische Disposition:

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Gehäuse im „byzantinischen Stil“
freistehender Spieltisch, mit Gesicht
zur Gemeinde
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Die Orgel wurde ausgeführt mit mechanischen Kegelladen, vier Cylinderbälgen, und einen Registerschweller, der, wie Dr. Seip in seinem Artikel ausführt, bereits im Jahre 1851 für die Gemeinde in Horb von Walcker angeboten wurde, mit den Worten „… neueste Erfindung im RegierWerk für eine Schwellung des Tones von der leisesten Stimme bis zur vollen Stärke des ganzen Werkes..“
Lassen wir hier noch einen Artikel von Eberhard Kuhn aus der Zeitschrift URANIA zu dieser Orgel in Mannheim, Synagoge, zu Wort kommen:
„…. Vier Cylinderbälge führen dem, an Stimmenzahl zwar kleinen, aber an Tonkraft mächtigen Werkchen den nöthigen Wind zu, wobei bemerkenswerth ist, dass die Windgrade des Haupt- und Nebenmanuals, so wie die des Pedals verschieden sind, welche Verschiedenheit Hr. Walcker durch die Anwendung von Ausgleichsbälgen bewerkstelligt hat. Die Tonfarbe des Nebenmanuals ist dadurch im Vergleich zum Hauptmanual zart und edel, die des Pedals aber frisch und markig geworden. Vereint geben diese verschiedenen Tonfärbungen dem ganzen Werk eine so wohlthuende, edle Tonfülle , eine solche Kraft und Majestät des Tons, daß der Hörer im Innersten seines Gemüthes sich davon erregt und ergriffen fühlt. Als vorzüglich müssen die Zungenwerke bezeichnet werden. Eine Harmonika mit Crescendo und Decrescendo ist in Verbindung mit einer Dolce 8’ von zauberischer Wirkung, während sie im Alleingebrauch dem zarten Schmelz eines Streichquartetts gleicht.
Ebenso ist es Hrn. Walcker gelungen eine Clarinette 8’ mit einschlagenden Zungen zu bauen, deren Toncharakter und Tonfarbe einer natürlichen B.Clarinette täuschen ähnlich ist. Ueberhaupt versteht es Hr. Walcker, die Tonfärbungen einer flöte, Clarinette, eines Fagotts, einer trompete im hohen Grade der Vollendung durch Orgelstimmen nachzuahmen.“

zu den Kegelladen bemerkt Kuhn:
Eine besondere Aufmerksamkeit und Beachtung verdienen die durch Walcker zuerst in Anwendung gebrachten Springladen (alte auch von Walcker geführte Bezeichnung der Kegelladen), durch welche jeder einzelnen Pfeife das ihr zur richtigen Ansprache erforderliche Quantum Wind zugemessen und zugeführt wird. Hierdurch wird nicht nur eine präcise, augenblickliche Ansprache und leichte Spielweise ermöglicht, sondern es wird auch eine Gleichmäßigkeit der Tonqualität, sowie eine leichte und bequeme Registrierung hergestellt. Freilich erfordert die Ausführung solcher Springladen eine Sorgfältigkeit und Pünktlichkeit der Arbeit, die nur selten, wie bei Walcker , zu finden ist.

Opus 825
Dieses Werk von Eberhard Friedrich Walcker wurde schon 1899 von den Söhnen umgebaut, bzw. um ein Manual erweitert (Opus 825). Ins Hauptwerk kam ein Bourdon 16’, die Mixtur logischerweise wurde auf 2 2/3’ mit den Pfeifen der Quinte gesetzt, weil nun Teiltöne des 16’ dort erwartet wurden. Das Pedal wurde um einen Gedecktbass 16’ erweitert. Das ganze Werk wurde auf pneumatisch umgebaut. Entfernt wurden die beiden durchschlagenden Zungen Fagott und Physharmonika. Das dritte Manual wurde nun mit den in Mode gekommenen Registern Aeoline, Voix celeste, Fugara – ins zweite kam noch eine Concertflöte und eine Viola – und damit hatte man die hochromantische Konstellation vom abgeschwächtem Hauptwerk auf dem II.Manual, und das III.Manual als schwellbares Farbwerk mit den schwächsten Stimmen.
Wie Dr. Seip richtig bemerkte, war hier der Werkstil der dritten Walcker-Generation deutlich geworden, wie das bei Umbauten in Ulm, Frankfurt Paulskirche und vielen weiteren Instrumenten des Vaters geschehen war, weswegen wir diese Disposition mustermäßig hier zeigen wollen:

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und hier noch die PDF-Datei, in der alles besser und schöner für den Ausdruck vorbereitet ist:
0127-mannheim-synagoge.pdf

Opus 200 Boston, Amerika – Planung 1853- Anmerkungen mit 12 Bildern

Sonntag, Dezember 2nd, 2007

Nach der Frankfurter Paulskirchenorgel und der Kathedralorgel in Ulm sollte unbedingt die Konzertsaalorgel Eberhard Friedrich Walckers in Boston0200.pdf als eine zu Ende gedachte Konsequenz herangezogen werden, wenn man über Deutschen Romantischen Orgelbau spricht.
Dabei ist es völlig unerheblich, dass die Orgel, wie sie heute in Methuen steht nur noch zu ca. 25% Pfeifenwerk von EFW hat und von der technischen Anlage der mechanischen Kegelladen mit „Pneumatique“ dürfte absolut nichts mehr da sein.
In meinem Archiv befindet sich noch ein Stück der Zeichnung, und ich habe vor einiger Zeit einmal das Opusbuch sehr subjektiv untersucht und dabei interessante Entdeckungen gemacht.

Noch nachträglich eingefügt das wichtige Werbeblatt von Walcker mit der Dispo und allen Koppeln etc. in sehr hoher Auflösung:
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Außerdem möchte ich ein hochauflösenden Bild der Orgel zeigen, eine Grafik die aber in jedem Falle nicht ganz korrekt die Größenverhältnisse widergibt:
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Anmerkungen zum Opusbuch

Das Opusbuch wurde 1853 geschrieben, wie auch Asperg, der Vorgänger dieses Blogs, das heisst also Walcker hatte zu dieser Zeit bereits über 10 Jahre Lieferzeit.
1. Es beginnt hier das Buch mit dem Grand Bourdon 32′, wie es sich für eine Orgel mit 75 Register gehört. Wenige Jahre nach dieser Niederschrift (1856) erhält EFW vom Bayrischen König anlässlich seiner bei der Ausstellung in München gezeigten 32′ Pfeifen, die man am Kern mit Schraubstellungen verändernd konnte, eine goldene Medaille.
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2. Zu den Materialangaben der Pfeifen sei vermerkt, dass bereits 1852 Walcker Zink verwendete und zwar bei Trompetenbecher. Hier in Boston natürlich wurde nur erlesenes Material verwendet, wir kommen später darauf zurück. Hier nun die Flauta 8′ in Holz mit doppelten Labien und die Viola di Gamba in reinem Zinn. Was auch hier zeigt, wie wichtig der glasklare Klang dieser Stimme Eberhard Friedrich Walcker war.
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3. Die Ophycleiide mit zwei Registerzügen (Bass-Diskant) und einschlagend (durchschlagende Zunge). Auch die Trompete ist in Bass und Diskant getrennt, ich glaube das war auch in Ulm, und die höheren Becher wurden aus Messing gefertigt. Hierzu habe ich eine Zeichnung von Ulm, wo die aufgeworfenen Becher sehr schön aufgezeichnet sind, was bei einem späteren Blog einmal gezeigt wird.
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4. An Principal, Salicional und Dolce werden die drei wichtigen Zinnlegierungen bezeichnet: rein, Probezinn (75%), Metall (Naturguß ca 48-52%) Wir können hieraus schließen, wie der Klang gewünscht war – silbern- hell – rein, eine Idee weicher, flötiger, etwas obertonärmer.
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5. Die Physharmonika – wie schon bei Bossert erläutert – ist bei Eberhard Friedrich Walcker ein ganz wichtiges Schlüsselregister, das der Meister nie versäumt hat genau zu beschreiben, welche Funktion dieses Register hat. Auch hier eine genaue Erläuterung.
Durch Windverminderung oder Vermehrung, an welches sich ein Forte anschliesst, das sich vom leisesten Hauch bis zur vollen Kraft…
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6. Im Pedal steht neben dem Principal 32′ eine Bombarde 32′ einschlagend – auch dieses Mensurenblatt habe ich in meinem Archiv und möchte es gelegentlich auf unserem AeolineBlog vorstellen. Wichtig natürlich sind die späteren Obertöne im Pedal nur sinnvoll, wenn ein richtiger 32′ vorhanden ist.
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7. Hier die Obertöne des Pedals 10 2/3, 6 2/5 und 5 1/3 – die sich auf den 32′ beziehen – und Bemerkung am Rande – der offene Subbaß 16′ der bei Eberhard Friedrich Walcker öfters vorkommt.
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8. Das zweite Pedal ( sicher war von EFW an eine zweipedalige Orgel gedacht) mit einer einschlagenden Zunge, dem Fagott 16′
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9. Rekapitulation – an den Kostenzusammenstellung der Pfeifen der einzelnen Manuale – es handelt sich hierbei tatsächlich auch um eine eigene Dynamik – erkennt man wo die Schwerpunkte waren I.Manual und Pedal, II, III. Manual
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10. Hier in diesem einen der letzten Absätze der Opusbuch-Niederschrift geht EFW wie öfters auf sein Windladensystem ein, das er hier vorschlägt. Das hört sich dann folgendermaßen an.. „bei welchem alle diese Mängel behoben sind, die schon seit Jahrhunderten bei den besten marken beklagt werden. Interessant auch in diesem Abschnitt der Hinweis unter 5. und 6., dass Compensationsbälge, Cylinderblasbälge vorgeschlagen sind, und der Hinweis auf die „Pneumatique“, woraus man schon aus dem Begriff deren französische Herkunft (Barkerhebel Cavaillés) schliessen kann.
An dieser Orgel haben Eberhard Friedrich und seine Söhne umfangreiche Versuche mit der elektrischen Traktur getestet. Hiervon rührte wahrscheinlich der spätere Streit mit den Brüdern, der zum Abgang von Paul Walcker führte, dessen Weg dann nach Frankfurt/Oder zu Sauer geführt hat. Die Erfahrungen jedenfalls an der Bostoner Orgel im Werk in Ludwigsburg waren niederschmetternd, so dass keine Elektrik in die Orgel Eingang fand. Auf einer späteren Weltausstellung (ich glaube es war 1880) hat Weigle eine rein elektrische Orgel vorgestellt, deren Kontakte in kürzester Zeit von Funken zerfressen waren und die Batterien nicht lang hielten – mit Sicherheit vergleichbare Probleme, wie sie Walcker, der ja mit Weigle verwandschaftlich verbunden und befreundet war, bei seinen Versuchen hatte.
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Am Ende noch der Anfang des Opusbuches
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und ein schöner Choral Mendelssohns, den Felix Hell auf der nur noch angedachten Walcker-Orgel in Methuen gespielt hat. Die transparenten Principale, das wäre im Sinne EFW’s gewesen, aber nicht mehr sehr viel von den anderen Stimmen die heute mehr das französische als deutsche Ideal repräsentieren.

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(gwm) 2.Dez.2007