Opus 127 Mannheim Synagoge 22/II, geplant 1854, und die Erfindung des Registerschwellers

Opus 127 Mannheim Synagoge 22/II, geplant 1854, im Opusbuch 1 als Opus143 registriert.
Also eine Orgel, die wenige Monate nach Neuhausen gebaut wurde, wobei ich höchste Vorsicht anraten würde, diese Orgel nun als typische Klangvorstellung Eberhard Friedrich Walckers zu deuten.

Interessant ist diese Orgel für die Mannheimer Synagoge für mich, besonders durch die hervorragende Darstellung von Dr. Achim Seip in Acta Organologica Band 29, aus der teilweise zitiert wird, und wo neben gesellschaftlichen, jüdisch spezifischen Fragen, besonders auch stilistische Zusammenhänge jener Zeit erklärt werden.
Zunächst die für Eberhard Friedrich Walcker typische Disposition:

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Gehäuse im „byzantinischen Stil“
freistehender Spieltisch, mit Gesicht
zur Gemeinde
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Die Orgel wurde ausgeführt mit mechanischen Kegelladen, vier Cylinderbälgen, und einen Registerschweller, der, wie Dr. Seip in seinem Artikel ausführt, bereits im Jahre 1851 für die Gemeinde in Horb von Walcker angeboten wurde, mit den Worten „… neueste Erfindung im RegierWerk für eine Schwellung des Tones von der leisesten Stimme bis zur vollen Stärke des ganzen Werkes..“
Lassen wir hier noch einen Artikel von Eberhard Kuhn aus der Zeitschrift URANIA zu dieser Orgel in Mannheim, Synagoge, zu Wort kommen:
„…. Vier Cylinderbälge führen dem, an Stimmenzahl zwar kleinen, aber an Tonkraft mächtigen Werkchen den nöthigen Wind zu, wobei bemerkenswerth ist, dass die Windgrade des Haupt- und Nebenmanuals, so wie die des Pedals verschieden sind, welche Verschiedenheit Hr. Walcker durch die Anwendung von Ausgleichsbälgen bewerkstelligt hat. Die Tonfarbe des Nebenmanuals ist dadurch im Vergleich zum Hauptmanual zart und edel, die des Pedals aber frisch und markig geworden. Vereint geben diese verschiedenen Tonfärbungen dem ganzen Werk eine so wohlthuende, edle Tonfülle , eine solche Kraft und Majestät des Tons, daß der Hörer im Innersten seines Gemüthes sich davon erregt und ergriffen fühlt. Als vorzüglich müssen die Zungenwerke bezeichnet werden. Eine Harmonika mit Crescendo und Decrescendo ist in Verbindung mit einer Dolce 8’ von zauberischer Wirkung, während sie im Alleingebrauch dem zarten Schmelz eines Streichquartetts gleicht.
Ebenso ist es Hrn. Walcker gelungen eine Clarinette 8’ mit einschlagenden Zungen zu bauen, deren Toncharakter und Tonfarbe einer natürlichen B.Clarinette täuschen ähnlich ist. Ueberhaupt versteht es Hr. Walcker, die Tonfärbungen einer flöte, Clarinette, eines Fagotts, einer trompete im hohen Grade der Vollendung durch Orgelstimmen nachzuahmen.“

zu den Kegelladen bemerkt Kuhn:
Eine besondere Aufmerksamkeit und Beachtung verdienen die durch Walcker zuerst in Anwendung gebrachten Springladen (alte auch von Walcker geführte Bezeichnung der Kegelladen), durch welche jeder einzelnen Pfeife das ihr zur richtigen Ansprache erforderliche Quantum Wind zugemessen und zugeführt wird. Hierdurch wird nicht nur eine präcise, augenblickliche Ansprache und leichte Spielweise ermöglicht, sondern es wird auch eine Gleichmäßigkeit der Tonqualität, sowie eine leichte und bequeme Registrierung hergestellt. Freilich erfordert die Ausführung solcher Springladen eine Sorgfältigkeit und Pünktlichkeit der Arbeit, die nur selten, wie bei Walcker , zu finden ist.

Opus 825
Dieses Werk von Eberhard Friedrich Walcker wurde schon 1899 von den Söhnen umgebaut, bzw. um ein Manual erweitert (Opus 825). Ins Hauptwerk kam ein Bourdon 16’, die Mixtur logischerweise wurde auf 2 2/3’ mit den Pfeifen der Quinte gesetzt, weil nun Teiltöne des 16’ dort erwartet wurden. Das Pedal wurde um einen Gedecktbass 16’ erweitert. Das ganze Werk wurde auf pneumatisch umgebaut. Entfernt wurden die beiden durchschlagenden Zungen Fagott und Physharmonika. Das dritte Manual wurde nun mit den in Mode gekommenen Registern Aeoline, Voix celeste, Fugara – ins zweite kam noch eine Concertflöte und eine Viola – und damit hatte man die hochromantische Konstellation vom abgeschwächtem Hauptwerk auf dem II.Manual, und das III.Manual als schwellbares Farbwerk mit den schwächsten Stimmen.
Wie Dr. Seip richtig bemerkte, war hier der Werkstil der dritten Walcker-Generation deutlich geworden, wie das bei Umbauten in Ulm, Frankfurt Paulskirche und vielen weiteren Instrumenten des Vaters geschehen war, weswegen wir diese Disposition mustermäßig hier zeigen wollen:

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und hier noch die PDF-Datei, in der alles besser und schöner für den Ausdruck vorbereitet ist:
0127-mannheim-synagoge.pdf

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