Gutachten von Eberhard Friedrich Walcker über die Orgel in der Frankfurter Nikolaikirche aus dem Jahre 1856 Frankfurt a. M.

Von den Alten lernen. In diesem Gutachen, oder besser gesagt: Kostenanschlag des Altmeisters Eberhard Friedrich, erkennt man sofort den absoluten Profi, der weiß, worauf es ankommt. Sowohl in allen technischen Belagen, wie in allen anderen Dingen, die prioritätsmässig in der Intonation beheimatet sind. Hier also sein recht umfangreicher Text zu dieser Orgel:

Im Auftrage des hochlöblichen evangelisch-lutherischen Kirchenvorstandes hat der gehorsamst Unterzeichnete sowohl den Bestand und die Beschaffenheit der Orgel in der St. Nikolaikirche dahier untersucht als auch die Kosten ihrer Herstellung berechnet, und erlaubt sich in Nachstehendem eine genaue Beschreibung und einen detaillirten Kostenvoranschlag zu überreichen:
Lit. A
1. Ist das Werk in seinen inneren Theilen sehr verstaubt und muß deßhalb ausgehoben, zerlegt und nach allen Details gereinigt werden, pro Reg. 1 fl, 12 xr. 19 fl. 12 xr.
2. Principal 8’ im Prospect, ist schon von Geburt aus allzu dünn ausgearbeitet worden und hat deßhalb meist unsicher und schwankend intonirt, weßhalb einer meine Vor-gänger, ein sonst mit gutem Erfolg angewandtes Mittel benüzte und die Cylender mit einer Polusfarbe ausgestrichen und verstärkt hat. In Folge eines aus Unkenntnis hiezu benüzten, für das Metall total verderblich Bindungsmittels, sind aber die Pfeifenkörper anstatt besser, vollends ganz unbrauchbar geworden: indem die Leimfarbe immer mehr nachtrocknet, die Cylinder zusammenzieht und runzlicht macht. Dieses aus 54 Pfeifen bestehende Register, von feinem engl. Zinn angefertigt und mit theilweise aufgesezten Lab(ien) versehen kostet bey den gegenwärtig sehr hohen Zinnpreisen 280 fl. hievon geht ab das alte Material, aufs Nachgewicht mit etwa 70 Ib. á 30 xr. circa 35 fl. 245 fl.
3. Octav4′: hier haben die 18 größten Pfeifen denselben Fehler wie Nr.2 und es müssen auch diese neu gemacht, mit den Übrigen um 1/2 Ton vorgerükt und mit Stimschlitzen versehen werden; kostet über Abzug des alten Materials 50 fl.
4. Bourdon 16′: ein den übrigen Stimmen im Baß an Starke und Scharfe überlegenes Register muß in seinen Dekeln mit frischem Leder gefüttert und verhältnismäftig zärter intonirt werden. 10 fl.
5. Viola di Gamba 8′: sonst eme der schönsten Stimmen ist hier durch verschiedene Pfuschereien so verunstaltet und in der Intonation so unzuverläßig geworden daß eine gründliche Reparatur, theilweise Renovation damit vorgenommen werden muß Z.B. sind die 7 werthvollsten Pfeifen C, Cs, D, Ds, E, F und Fs schon m früherer Zeit heraus-genommen und durch hölzerne ersezt worden. Diese leztern imittiren aber nicht allein keinen Gambenton, sondern versperren auch durch ihr bey weitem größeres Volumen den Nachbarpfeifen den auf der Windlade ursprünglich gegebenen Raum, daß auch jene Schaden leiden. Es müssen daher die oben bezeichnete 7 Pfeifen nebst einem Vertiefungston wieder mit neuen zinnernen ersezt und um den alteren eine prazisere Ansprache zu geben, mit Unterbärten und Stimmschlitzen versehen wer¬den. 66 fl.
43 Archiv der Firma E. I. Walcker GmbH & Co. Orgelbau, Opus-Buch V, S. 52 ff. und 78 ff.

6. Traversfloete 8′: ist jedoch eine ganz gewöhnliche Floete und hat die 18 tiefsten Töne mit dem Gedekt 8′ auf eine sehr fehlerhafte Weise gemein, was die fatale Folge hat: daß, wenn beide Register zu gleicher Zeit gebraucht werden, sich die gemeinschaftlichen Töne durch den doppelten Wind überschlagen und entsezlich verstimmen. Die Abänderung in der Windlade wird in einem spätern § behandelt werden, dagegen die Reparatur des Pfeifenwerks, einen hiefür nöthigen Vertiefungston und kleine Unterbärte behufs einer präzisern Intonation, berechne hiermit 7 fl.
7. Gedekt 8′: ist wie schon erwähnt mit Nr.6 verbunden, und es muß schon in dieser Hinsicht eine doppelte Aufmerksamkeit auf die gute Herstellung dieses Registers ver-wendet werden. Die Vorschläge, welche häufig leimlos werden, müssen mit Holz-schrauben aufgeschraubt, in ihren Dekeln frisch gefüttert, und die Pfeifen der untern Oktav auf 1′ hohe Stifel gestellt werden, damit das dahinter befindliche Gamben-register eine freiere Wirkung hat. 12 fl.
8. Trompete8′: muß durchaus neue längere Stifel, Nüsse, Zungen und Krüken erhalten; die Schallröhren müssen mit ausgetriebenen Bechern, cylindrischen Untersätzen ver-sehen und in der 3. Octave, welche einen allzu schwachen Ton hat, müssen verlängerte Schalltrichter aufgesezt werden 120 fl.
9. kl. Gedekt 4′: von Holz, zu repariren 5 fl.
10. Waldfloete 2′: von Zinn, ebenfalls gut herzustellen 4 fl.
11. Quint 2 2/3′: von Zinn, stekt zwischen 2 achtfüssigen Registern, dass eine von der Stimmung oder Intonation abweichende Pfeife unter keinen Umstánden corregirt oder umgestimmt werden kann. Die größte Octave dieses Registers muß auf 5′ hohe Stifel gesezt und an ein besonderes Raster mit Haften befestigt werden. 8 fl.
12. Mixtur4fach 2′: bedarf einer Complettirung, die theilweise durch die ausfallende Sesquialterapfeifen gebildet und durch Hinzufügung einer Terze erreicht werden kann. 25 fl.
13. Ist in dem ganzen Werk kein einziges sanftes Register, defwegen soll auf die Stelle der kreischenden Sesquiáltera ein sanftes Dolce 8′ gesetzt und diesem Zwek neu ange-fertigt werden. Die untere Octave von Holz, die Fortsezung von Zinn 54 Pf. kost. 80 fl.
Pedal
14. Posaunenbaß 16′: spricht in den meisten tiefen Tönen nur mittels einer Windablei-tung, was aber einen ungleichen, leeren und schlechten Ton verursacht. Es müssen daher anstatt dieser Schleichweege sämtliche Stifel verlängert und in das richtige Tonverháltnis gesezt, neue Krüken und z.Th. auch neue Zungen gemacht und einge-pafk werden. 50 fl.
15. Subbaß 16′: muß nicht allein in seinen Dekeln frisch gefüttert und wieder gut luft-dicht gemacht, sondern auch behufs der Nachstimmung durchaus mit Handgriffen an den Dekeln und mit Holzschrauben an den Vorschlägen versehen werden. 16 fl.
16. Violonbaß 8′: (eigentlich Violoncell) sein eigenthümlicher Charakter muß ihm aber erst durch Verengerung der Labien, durch kleine Aufsäze auf den Kern (?) und aufschrauben neuer Vorschlage gegeben werden. 20 fl.

17. Principalbaß 8′:
ist nur von Holz, muß ebenfalls besser intonirt und mit aufgeschraubten Vorschlágen
versehen werden. 8 fl.
Lit. B Uebrige Sachen
1. Genaue Correction der Windladen überhaupt, einen neuen Pfeifenstok für das vor-geschlagene Register Dolce 8′, namentlich aber die Combination der beiden Register Floete und Gedekt auf eine kunstgerechtere Weise in der Parralelen einzurichten und die übergebohrten Canzellen zu verstopfen, damit bei gleichzeitigem Gebrauch der beiden Register die Stimmung rein und die Intonation unverandert bleibt. 40 fl.
2. Im Regierwerk sind die großentheils verrosteten Wellenaxen entweder in ihren hölzernen Wellenrahmen eingequollen, daß sie sich spannen und das Tractament dem Spieler erschweren, oder haben sie zu vicien Spielraum, daß sie rappeln. Diesen beiden Uebelständen abzuhelfen, müssen alle diese Löcher mit elastischem Zeug ausgebüxt und statt der rauen verrosteten Axen neue polirte eingesezt; auch manche schadhafte Aufhängschlaufen durch neue ersezt werden. 24 fl.
3. Müssen beide Claviere für Manual und Pedal frisch gefüttert und wieder egalisirt werden. 8 fl.
4. Sind sowohl Kanalschnauzen Büchsenkanäle als auch der Hauptkanal beinahe um die Hálfte zu eng, es müssen daher sowohl die 3 Büchsenkanále mit ihren Sperr-ventilen, als auch der Hauptkanal bis in die Náhe der Windlade circa 40 currentfuss lang, neu und in proportionirtem Caliber angefertigt und dem Werk angepaßt werden á 1 fl. 12 xr. 48 fl.
5. Die 3 Blasbälge, welche zwar noch eine ziemlich neue Belederung haben, aber doch für das volle Werk etwas klein sind, müssen, um den Wind etwas sparsamer zusammenzuhalten, durch einen Laküberzug recht luftdicht gemacht und an den schadhaften Stellen ausgebessert, auch samtliche Kanäle mit diesem luftdichten Ueberzug versehen werden. 18 fl.
6. Das ganze Werk endlich wieder einzusezen und zu stimmen, sowie das neu zu fertigende Register zu befestigen. 60 fl.
7. An den vielen Fialen des Gehäuses sind beinahe sämtliche Krappen, welche neu von Gips gefertigt und angeleimt waren, herunter und hie und da in die Pfeifen hinein-gefallen. Um nun auch dem Äussern seine ursprüngliche gothische Verzierung wie-derzugeben, so sind etwa 200 Stück solcher Krappen nöthig, die jedoch nicht mehr von Gips, sondern auf eine solide Weise von Eichenholz ausgeführt sein sollten á 9 xr., zusammen 30 fl.
Hiebey bedingt sich der Unterzeichnete, wáhrend der Dauer des Geschäfts eine Hülfe-leistende Person zum Treten der Blasbälge und freien Transpon der neuen Orgeltheile von Ludwigsburg hieher und der leeren Kásten wieder zurük, was jedoch die Kosten von 60 bis 70 fl. nicht überschreiten dürfte.
Ludwigsburg, l6.April 1856

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