Opus 239 Eßweiler – neu entdeckt

Ein schöner Zufall brachte mir die noch vollständig erhaltene Eberhard Friedrich Walcker Orgel gleich in zweifacher Ausfertigung entgegen. Einmal haben wir vor einiger Zeit diese Zeichnungen in hoher Auflösung eingescannt und zum Zweiten gibt es auf dem Internet eine Seite der Gemeinde Eßweiler, die ein Bild der Orgel zeigt. Natürlich ist diese Orgel auch in Pfarrer Bonkhoffs Buch „Orgeln der Pfalz“ o.ä. enthalten.
Das Instrument hat mechanische Kegelladen und ist vollständig mit 9 Registern erhalten.
Die Zeichnung ist mit über 550 kByte sehr hoch auflösend (für Details doppelt clicken):
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Ein sehr schönes Beispiel der letzten Tage des „wuerttembergischen Fußes“, der ja Eberhard Friedrich Walcker sein ganzes Leben begleitet hat. Wir sehen auf der Zeichnung sowohl Fuß als auch Meter, der hier noch mit „métre“ bezeichnet ist – also seine französische Abkunft klar benannt ist. Ab 1872 ist dann, sehr symbolisch mit dem Tode Eberhard Friedrich Walckers verknüpft, das Ende des Fußmaßes in der Handelswelt Mitteleuropas mit der Deutschen Reichgründung beschlossen. Aber, auch das wieder ein symbolischer Fingerzeig, im Orgelbau lebt dieses Maß noch heute fort.

(gwm)

hierzu noch die Anmerkungen den „Fuß“ und den „Chorton“ betreffend
1885 wurde der Kammerton auf a’=435 Hz festgelegt. Vorher galt der Kammerton 432 Hz. Gleichzeitig galt vor 1885 der Chorton, der rund einen Ganzton tiefer als der Kammerton liegt also bei g’=432Hz. Der Chorton war für geistliche Musik, der Kammerton für weltliche Musik bestimmt. Mit dem Chorton war eine Pfeife oder Flöte auf 4 Stellen genau (bei 18 Grad Celsius) der römische Fuß konserviert (518,289mm). Damit ist bewiesen, dass die Kirchenmusik unbewusst eine Maßtradition bewahrte, die ja bis zu den Ägyptern zurückreicht und somit über 4500 Jahre alt ist. Entscheidend ist, dass die gesamt Musik-Maßtheorie, unter anderem von Phytagoras als Verknüpfung der Welt von Maß- und Ton in seinen esoterischen Lehren behandelt, genau ab 1872 (Fuß) und 1885 (Kammerton) sich von dieser Tradition löst, um einem seelenlosem Nützlichkeits-Maßsystem Platz zu machen, das reine materialistische Gesichtspunkte in den Vordergrund schob (bessere Produktivität). Nach diesem Zeitpunkt war es nicht mehr möglich von „Proportion“ im klassischen Sinne zu reden, da alle entsprechenden Maßstäbe verloren gegangen sind. Also nicht mehr der Mensch und die Musik das Maß der Dinge bestimmten. Messen war also früher einmal „hören“. Wenn wir sagen „das stimmt“, sagen wir auch, „wir hören, dass es richtig ist!“, also, „wir haben mit dem Ohr vermessen“. Dieses verlustig gegangene Maß, hat m.M. sehr viele Menschen bis heute irritiert, weil sie mit dem falschen „Meter“ versucht haben Dinge zu messen, oder zu begreifen, die nur mit den traditionellen Maßen (oder aus antiker Perspektive heraus) zu verstehen waren. (gwm) (Quellen: Körte 1972- Schabus 1886 – Rottländer 1979 – Lepsius 1884 – Grassmann 1865 – Unger 1916 – Walcker-Mayer – 1968 Aquincum)
Anmerkung und Ergänzung: eine wichtige Erkenntnis ist, dass um 2200 v.Chr. die Ägypter die Teilung der Elle von 30 auf 28 digiti (jawohl, damals schon hat man digital gedacht (digit=Finger)) änderte und somit ein vorheriges System beseitigt. Römischer Fuß und Elle sind durch dieses System masslich verbunden. Das alles ist unheimlich kompliziert. Umfassend und perfekt dargestellt von Rottländer, von dem ich durch sein Buch inspiriert wurde.

Man muss sich allerdings davor hüten jene Zeit ab 1872 im Sinne einer „modernistischen Verfalls- oder Untergangszeit“ abzuqualifizieren. Denn gerade hier machen sich die Bestrebungen der „Romantik“ bemerkbar, die um 1790 bis 1820 in den deutschsprächigen Ländern begonnen hatten gegen die festgefahrenen „klassischen“ Wertvorstellungen neue dynamische Konzepte, in Weiterführung der Aufklärung, einzubringen. Das „antike Maß“, das mit allen Konsequenzen mit Einführung des „métre“ im deutschsprachigen Raum im Jahre 1872 beseitigt wird, erhält durchaus einen romantischen Anspruch, der mit „Unendlichkeit“, „Relativität“ und „Internationalität“ begründet war. Ein Orgelbauer Eberhard Friedrich Walcker, der diese Ansprüche in seinen großen Orgelwerken zum Ausdruck brachte, hätte von dieser Warte aus sicher nichts gegen die Einführung des Meter gehabt.

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